18. August Ist das Kunst oder kann das weg: Wearables in der Ernährunberatung
Fragen Sie Ihre Klient*innen eigentlich nach den Daten ihrer Smartwatch oder ihres Fitnessrings? Wahrscheinlich noch eher selten. Dabei bringen immer mehr Menschen heute am Handgelenk oder auf Ihrem Smartphone einen wahren Datenschatz mit in die Beratung. Daß darunter Informationen sein könnten, die gerade für Ernährungsfachkräfte interessant sind, zeigt die neue repräsentative Deloitte-Studie „Mobile Health Consumer Trends 2026“: Zwei Drittel der Nutzer in Deutschland setzen Gesundheits-Apps und vernetzte Geräte vor allem für Lifestyle-Zwecke ein, das verbleibende Drittel verfolgt medizinische Ziele. Aus Sicht der Ernährungstherapie und -beratung ist dabei besonders bemerkenswert, daß Gewichtsmanagement mit 25 Prozent der Nennungen zu den häufigsten Nutzungsmotiven gehört: Als wichtigste wahrgenommene Nutzenfelder werden Bewegung, Schlaf und Ernährung genannt.

An der Bereitschaft der meisten Klient*innen, Ernährungsfachkräften relevante Daten zur Verfügung zu stellen, dürften kaum Zweifel bestehen. Mehr als 80%der Befragten fänden es positiv, wenn Ärzte diese Daten – nach vorheriger Einwilligung – in die Behandlung einbeziehen. Warum also sollten auch Ernährungsfachkräfte nicht zumindest danach fragen? Schließlich könnten die Daten für Beratungskräfte, insbesondere für alle, die nach GNCP (German Nutrition Care Process) beraten, eine sinnvolle und wichtige Ergänzung im Rahmen der Ernährungsdiagnose und Ernährungsanamnese sein. Die Anwendungsbereiche liegen auf der Hand:
- Energiehaushalt und Körperzusammensetzung: Wearables liefern Informationen über Alltagsaktivität und Bewegung und errechnen daraus auch den Energieverbrauch. In Verbindung mit smarten Waagen kommen Gewicht, BMI und Schätzungen der Körperzusammensetzung hinzu. (Allerdings Vorsicht: Die scheinbar präzisen Werte sind Schätzungen und können erheblich vom tatsächlichen Energieverbrauch abweichen).
- Übergewicht und Adipositas: Wearables könnten die Bewegungsanamnese objektivieren – und Fortschritte sichtbar machen, die auf der Waage zunächst nicht erscheinen. Wer seine durchschnittliche Schrittzahl von 4.000 auf 7.000 erhöht oder mit regelmäßigem Krafttraining beginnt, hat bereits etwas verändert, auch wenn das Gewicht noch nicht deutlich reagiert.
- Gewichtsstabilisierung und medikamentöse Adipositastherapie: Auch nach erfolgreicher Gewichtsreduktion können Verlaufsdaten interessant sein. Ein allmählicher Rückgang der Alltagsaktivität könnte sichtbar werden, bevor er sich auf der Waage bemerkbar macht. Und unter einer Therapie mit Inkretin-basierten Medikamenten stellt sich zusätzlich die Frage: Bleiben Bewegung und insbesondere Krafttraining während einer stärkeren Gewichtsabnahme erhalten?
- Sporternährung: Häufigkeit, Dauer und Art sportlicher Aktivitäten liefern Informationen, die Selbstauskünfte sinnvoll ergänzen können. Wie oft wird tatsächlich trainiert? Kraft oder Ausdauer? Wie regelmäßig? Für Proteinversorgung, Energiebedarf und die Mahlzeitenplanung rund um das Training können solche Verlaufsdaten hilfreich sein.
- Prädiabetes und Kohlenhydratstoffwechsel: Einen Sonderfall bildet die kontinuierliche Glukosemessung (CGM). Glukoseverläufe können mit Mahlzeiten und körperlicher Aktivität in Beziehung gesetzt werden und sind insbesondere bei Diabetes ernährungstherapeutisch relevant. Bei Stoffwechselgesunden geht es eher darum, Klienten davon abzuhalten, Glukosespitzen vorschnell als Mega-Ernährungsproblem zu erklären.
- Stress, Erholung und Schlaf: Viele Wearables errechnen aus Herzfrequenz, HRV, Schlaf und Aktivität sogenannte Stress-, Recovery- oder Readiness-Scores. Für Ernährungsfachkräfte sind solche Werte weniger als diagnostische Größen interessant, sondern als mögliche Hinweise auf Belastung, Erholung und Tagesstruktur – und damit als Anlass, Zusammenhänge mit Essverhalten und Mahlzeitenrhythmus genauer anzuschauen.
Und die Moral von der ‚Geschicht‘: Es soll und wird nicht dazu kommen, dass die Ernährungsfachkraft ihre Klient*innen künftig zu Beginn jeder Beratung zum Herunterladen sämtlicher Smartwatch-Daten auffordert . Wearable Daten werden eine sorgfältige Ernährungsanamnese nicht ersetzen. Sie könnten sie aber um Informationen aus genau dem Bereich ergänzen, mit dem Ernährungsfachkräfte täglich zu tun haben: dem tatsächlichen Alltag ihrer Klienten. Ob Wearable-Daten künftig stärker in Ernährungsassessment und Ernährungsdiagnose einfließen sollten ist eigentlich nicht mehr die Frage. Vielmehr müssen Ernährungstherapie und -beratung – möglichst mit Unterstützung der Wissenschaft – klären: Welche davon gehören in den Beratungsprozess – und wie lassen sie sich sinnvoll integrieren? Darauf braucht es praxisgerechte Antworten – und zwar möglichst bald.
Dr. Friedhelm Mühleib
(Illu KI)