Adipositas und Krebs: Mehr als 10% aller Krebsfälle durch Übergewicht?

Adipositas und Krebs: Mehr als 10% aller Krebsfälle durch Übergewicht?

 

.. und was das für Ernährungstherapie und -beratung bedeutet

 

Übergewicht und Adipositas erhöhen das Risiko für verschiedene Krebsarten. Das Wissen darum gehört längst zu den gesicherten Erkenntnissen  der Ernährungsmedizin. Nur: Wie stark erhöht es dieses Risiko? Wissen, das leider viel zu häufig gerade von Betroffenen unterschätzt wird. Der Einfluß von Übergewicht und Adipositas auf die Entstehung von Krebs könnte bislang deutlich unterschätzt worden sein. Eine aktuelle Analyse des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als zehn Prozent aller Krebserkrankungen auf übermäßiges Körperfett zurückzuführen sind – nahezu doppelt so viele wie bisher angenommen. Die neuen Erkenntnisse zeigen nicht zuletzt auch, welcher Gefahr sich  Anhänger*innen von  Body-Positivity, Fat-Acceptance und Co. durch das Vernachlässigen solcher Zusammenhänge aussetzen.

 

Dabei deuten die Daten darauf hin, dass Frauen vermutlich stärker betroffen sind als Männer.  Auch das Alter spielt eine Rolle: Bei Menschen unter 60 Jahren scheint Übergewicht eine größere Rolle für das Krebsrisiko zu spielen als bislang angenommen. Grundlage der DKFZ-Analyse waren die Daten von ca. 450.000 Frauen und Männern aus der britischen UK Biobank. Die Teilnehmenden wurden über einen Zeitraum von durchschnittlich knapp zwölf Jahren begleitet; in dieser Zeit wurden mehr als 50.000 Krebserkrankungen registriert.

Bauchfett wichtiger als BMI

Ein wesentlicher Kritikpunkt der Forschenden betrifft den Body-Mass-Index (BMI). Er erlaubt keine Aussage darüber, wie hoch der Fettanteil bei Betroffenen tatsächlich ist oder an welchen Körperstellen sich das Fett befindet. Gerade das viszerale Bauchfett gilt jedoch als besonders stoffwechselaktiv und wird mit chronischen Entzündungsprozessen sowie weiteren biologischen Mechanismen in Verbindung gebracht, die die Krebsentstehung begünstigen können. Deshalb bezog das Forschungsteam neben dem BMI auch den Taillenumfang sowie das Taille-Hüft-Verhältnis in die Analysen ein. Diese Messgrößen erwiesen sich als deutlich bessere Prädiktoren für das spätere Krebsrisiko.

Gewichtsverlust kann Ergebnisse verfälschen

Zusätzlich berücksichtigten die Wissenschaftler einen methodischen Effekt, der in früheren Untersuchungen häufig nicht ausreichend beachtet wurde: Viele Tumorerkrankungen führen bereits Jahre vor ihrer Diagnose zu einem ungewollten Gewichtsverlust. Betroffene erscheinen dadurch zum Zeitpunkt der Diagnosestellung häufig schlanker, als sie vor Beginn ihrer Erkrankung waren. Dies kann den statistischen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs abschwächen. Die Studie verändert damit weniger die grundsätzliche Empfehlung zur Gewichtsreduktion als vielmehr deren Bedeutung: Sollte sich die Analyse in weiteren Untersuchungen bestätigen, könnte ein wirksames Gewichtsmanagement einen deutlich größeren Beitrag zur Krebsprävention leisten als bislang angenommen.

Gesucht: wirksame Strategien zur Prävention und Therapie

Unter Berücksichtigung der verbesserten Analysemethoden stieg der geschätzte Anteil der Krebserkrankungen, der auf Übergewicht zurückzuführen sein könnte, von rund 5,5 Prozent auf bis zu 11,5 Prozent. Nach Einschätzung der Autoren unterstreichen die Ergebnisse die wachsende Bedeutung wirksamer Strategien zur Prävention und Behandlung von Übergewicht. Angesichts der weltweit steigenden Adipositasraten und einer gleichzeitig alternden Bevölkerung könnte die Vermeidung von Übergewicht künftig einen noch wichtigeren Beitrag zur Krebsprävention leisten als bisher angenommen.

Was bedeutet das für die Ernährungstherapie und – beratung?

Für Ernährungsfachkräfte liefern die Ergebnisse gleich mehrere  wichtige Botschaften.

  • Prävention von Übergewicht sollte noch stärker als Bestandteil der Krebsprävention verstanden werden.Gewichtsmanagement dient damit nicht nur der Vorbeugung von Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern möglicherweise auch der Vermeidung zahlreicher Krebserkrankungen.
  • Die Schwächen des BMI im Auge behalten. In der Beratung lohnt es sich, zusätzlich den Taillenumfang oder das Taille-Hüft-Verhältnis zu erfassen, da diese Parameter das gesundheitlich besonders relevante Bauchfett besser abbilden.
  • Gewichtsverläufe möglichst sorgfältig verfolgen und interpretieren. Ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust ist keineswegs automatisch ein positives Zeichen. Gerade bei älteren Menschen oder bei Personen ohne explizite Änderung des Ernährungsverhaltens sollte eine ungeklärte Gewichtsabnahme immer ärztlich untersucht werden, um bei Bedarf konsequent präventiv und therapeutisch gegenzusteuern.
  • Gewichtszunahmen bereits in einem möglichst frühen Stadium verhindern oder stoppen. Die Ergebnisse sprechen dafür, bereits in der Übergangsphase vom leichten Übergewicht zur Adipositas konsequent präventiv und therapeutisch gegenzusteuern.
  • Menschen akzeptieren – ohne gesundheitliche Risiken zu verharmlosen. Die Ergebnisse werfen auch ein neues Licht auf die Debatte um Body Positivity und Fat Acceptance. Menschen verdienen Respekt – unabhängig von ihrem Körpergewicht. Aber: Body Positivity darf nicht zur Wissenschaftsverweigerung werden. Wenn sich bestätigt, dass Übergewicht für deutlich mehr Krebserkrankungen verantwortlich ist als bisher angenommen, besteht die Herausforderung für Medizin und Ernährungsberatung darin, Menschen mit Adipositas wertschätzend und ohne Stigmatisierung zu begegnen – und gleichzeitig offen über die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht zu sprechen. Gute Beratung sollte von Empathie getragen sein und therapeutisch auf Evidenz gründen!

.

Mehr zum Thema /Quellen:

oDKFZ

https://www.dkfz.de/aktuelles/pressemitteilungen/detail/einfluss-von-uebergewicht-auf-das-krebsrisiko-moeglicherweise-deutlich-unterschaetzt

o Excess Weight May Account for More Than 10% of All Cancers: The Underestimated Impact of the Obesity Epidemic

https://spj.science.org/doi/10.34133/cancomm.0040